Ein magischer Besitzkonflikt in Alas-Merstop
Alas-Merstop war keine Stadt, in der man etwas verlor, ohne dass es vorher schon jemand anderem gehört hatte.
Selbst der Straßengraben wirkte hier, als hätte er eine Vergangenheit. Zwischen rostigen Scharnieren, einer halben Kelle, drei unmotivierten Kieseln und dem Skelett eines Regenschirms lag an diesem Nachmittag ein Mann namens Brodik auf den Knien und suchte nach Glück in flüssiger Form.
Brodik war obdachlos, aber nicht ohne Prinzipien.
Er trank nur, wenn sich die Gelegenheit ergab.
Und in Alas-Merstop ergab sie sich leider erstaunlich oft.
Er trug einen Mantel, dessen ursprüngliche Farbe vermutlich einmal eine Meinung gehabt hatte, und einen Hut, der so aussah, als hätte er mehrere Diskussionen mit Pferden verloren. Seit dem Morgen hatte er nichts gefunden außer einem Korken, zwei Knöpfen und einer getrockneten Wurst, die selbst für ihn einen leicht beleidigten Eindruck machte.
Dann sah er sie.
Eine Flasche.
Alt, grünlich, mit einem bauchigen Glasleib und einem Hals, der sich so stolz aus dem Dreck erhob, als wolle er sagen: Ich bin kein Müll. Ich bin nur derzeit horizontal.
Brodik hob sie vorsichtig auf, hielt sie gegen das Licht und blinzelte.
„Na komm“, murmelte er. „Ein Restchen. Ein Schlückchen. Eine traurige kleine Pfütze Hoffnung.“
In der Flasche war tatsächlich noch etwas. Oder jedenfalls sah es so aus. Ein schlieriges, bläuliches Flimmern, das entweder magisch war oder auf jene Weise gesundheitsschädlich, die in Alas-Merstop oft mit „selten, aber intensiv“ beschrieben wurde.
Brodik zog den Korken heraus.
Es machte plopp.
Dann machte es wuuusch.
Ein Schwall aus blauem Rauch schoss aus der Flasche, wirbelte in die Höhe, drehte sich einmal um eine Straßenlaterne, erschreckte eine Taube zu einer kleinen Sinnkrise und verdichtete sich schließlich zu einer Gestalt mit wallendem Bart, goldenen Armreifen und dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der gerade festgestellt hatte, dass sein Mittagsschlaf illegal beendet worden war.
Der Geist schwebte einen halben Meter über dem Boden, rieb sich die Augen und blickte finster auf Brodik herab.
Brodik hingegen stand mit offenem Mund da. Dann begann sein Gesicht zu leuchten.
„Ha!“, rief er und sprang so plötzlich auf, dass sein rechtes Knie einen Beschwerdelaut von sich gab. „Ich wusste es! Ich hab’s gewusst! Das ist mein Tag! Also gut, pass auf, ich bin bereit. Erstens: ein Haus. Nein, warte… ein großes Haus. Mit Dach. Und Fenstern. Und etwas Warmem drin, das sich nicht bewegt. Zweitens: Geld. Viel Geld. Nicht unanständig viel, ich will ja bescheiden bleiben, aber genug, dass Leute mich in Gasthäusern siezen. Drittens…“
„He!“, sagte der Geist.
Brodik hob den Finger.
„Nein, warte, lass mich kurz sortieren, ich hab jahrelang auf genau diesen Moment hingearbeitet, ohne es zu wissen. Also vielleicht doch erst Geld und dann das Haus, weil man mit Geld ja auch ein Haus kaufen kann, sofern man sich von niemandem beraten lässt. Oder ich wünsche mir direkt einen Weinkeller. Wobei, das wäre verschwenderisch, wenn das Haus gar keinen Keller…“
„HE!“, rief der Geist diesmal lauter und schnippte mit den Fingern.
Brodik fror mitten in seiner Geste ein.
„Was denn?“
Der Geist stemmte die Hände in die Hüften.
„Du erfüllst mir jetzt erstmal drei Wünsche.“
Brodik blinzelte.
„Wie bitte?“
„Ist doch offensichtlich“, sagte der Geist in einem Ton, als erkläre er einem besonders langsamen Möbelstück die Grundzüge des Sitzens. „Du hast mich aus meiner Behausung gelockt.“
Er deutete empört auf die Flasche.
„Aus meiner Bude! Mein Heim! Mein Rückzugsort! Mein legal anfechtbarer Lebensmittelpunkt! Und was bin ich jetzt, bitteschön?“
Brodik sah ihn an.
Dann auf die Flasche.
Dann wieder auf ihn.
„Durchscheinend?“
„Obdachlos!“, donnerte der Geist. „Ich bin obdachlos! Wegen dir!“
Brodik verzog das Gesicht. „Das ist aber schon eine sehr sportliche Auslegung.“
„Sportlich? Ich habe jahrhundertelang in dieser Flasche gewohnt!“
„Gewohnt?“
„Ja!“
„Freiwillig?“
Der Geist stockte kurz. „Das… tut nichts zur Sache.“
„Doch“, sagte Brodik und gewann sichtbar an Interesse. „Das tut sogar sehr viel zur Sache. Wenn du da drin gewohnt hast, dann war das entweder deine Wohnung oder dein Gefängnis. Und je nachdem schulde ich dir entweder Miete oder einen Glückwunsch.“
Der Geist legte die Stirn in Falten.
„Ich hatte dort Ordnung.“
„In einer Flasche?“
„Eine sehr effiziente Ordnung!“
„Dann war’s ein Einzimmerappartement mit Charakter“, sagte Brodik. „Nichts, wofür man mich verklagen kann.“
Der Geist senkte sich ein Stück tiefer, als wolle er argumentativ auf Augenhöhe drohen.
„Du hast durch das Öffnen dieses Behältnisses meinen Besitzstand aufgehoben.“
„Ich habe eine Flasche aus dem Straßengraben aufgehoben“, entgegnete Brodik. „Wenn das Besitzstand ist, dann wohne ich seit Jahren in einer ganzen Wohnsiedlung.“
Der Geist hob einen Finger. „Du hast ungefragt entkorkt.“
„Ich hoffte auf Schnaps.“
„Stattdessen hast du eine Entität von erheblicher Würde aus dem Schlaf gerissen!“
„Erhebliche Würde hätte sich vielleicht ein Klingelschild leisten sollen.“
Der Geist schnappte nach Luft.
Brodik merkte, dass er im Reden plötzlich sehr gut wurde, was entweder an der Gerechtigkeit lag oder an dem Umstand, dass er seit Langem mit niemandem gestritten hatte, der seine Sätze grammatikalisch ernst nahm.
„Außerdem“, fuhr er fort und verschränkte die Arme, „wenn ich jetzt für dich verantwortlich bin, nur weil ich die Flasche geöffnet habe, wer war dann für dich verantwortlich, als du da reingekommen bist?“
Der Geist schwieg.
„Na? Der letzte? Musste der dir auch drei Wünsche erfüllen? Und dessen Vorgänger wieder dem? Dann ist das ja kein Magiesystem, sondern eine Umzugskette.“
„Das ist Tradition!“, fauchte der Geist.
„Das ist Wohnraummangel mit Folklore.“
Der Geist begann nervös um seine eigene Achse zu schweben. „Du verstehst das Prinzip nicht.“
„Doch“, sagte Brodik. „Ziemlich gut sogar. Du tauchst auf, klingst wichtig, redest von Wünschen und hoffst, dass der andere zu beeindruckt ist, um Fragen zu stellen.“
„Ich bin ein Flaschengeist!“
„Und ich bin ein Mann im Straßengraben. Wir haben offenbar beide gerade keinen idealen Nachmittag.“
Das saß.
Der Geist wurde blasser. Nicht viel blasser, das war er ohnehin schon, aber auf eine beleidigte, existenziell angeschlagene Art. Er sah auf die Flasche, dann auf Brodik, dann die Straße entlang, als überlege er kurz, sich einfach jemand Eindrucksvolleren zu suchen.
„Also gut“, murmelte er schließlich. „Was schlägst du vor?“
Brodik dachte nach.
Dann hob er die Flasche auf, betrachtete sie von allen Seiten und nickte langsam.
„Ich schlage vor“, sagte er, „dass wir beide so tun, als wäre das nie passiert.“
„Wie bitte?“
„Du willst wieder rein. Ich will meine Ruhe. Das ist der erste vernünftige gemeinsame Nenner, der sich hier heute gezeigt hat.“
Der Geist sah misstrauisch aus. „Und dann?“
Brodik zuckte mit den Schultern.
„Dann werfe ich die Flasche weit genug weg, dass wir uns nie wiedersehen.“
Der Geist dachte kurz darüber nach.
„Das ist… beleidigend wenig feierlich.“
„Ja“, sagte Brodik. „Aber dafür praktisch.“
Es entstand eine Pause, wie sie nur in Alas-Merstop entstehen konnte: nicht bedeutungsvoll, nicht dramatisch, sondern leicht staubig und mit dem Gefühl, dass irgendwo in der Nähe jemand unverdient eine Suppe salzte.
Dann seufzte der Geist.
„Na schön.“
Er verwandelte sich wieder in blauen Rauch, wirbelte zurück in die Flasche und zog dabei ein langes, jammerndes Geräusch hinter sich her, das klang wie ein Verwaltungsformular mit Asthma.
Brodik stopfte den Korken wieder hinein.
Er wog die Flasche in der Hand.
Dann holte er aus und warf sie in hohem Bogen über eine Mauer, hinter der es schepperte, fluchte und dann sehr still wurde.
Brodik sah ihr nach.
„Tja“, murmelte er.
Er steckte die Hände in die Taschen, ging ein paar Schritte und blieb dann noch einmal stehen.
„Vielleicht“, sagte er zu sich selbst, „sollte ich künftig aufhören, Hoffnung zu entkorken.“